Blog 50 Bolivien

Mi 14.05. Frontera Km 53.464

Ich bin in Bolivien, der Grenzübergang hat problemlos geklappt, hier konnte ich Geld wechseln, eine neue Simkarte kaufen und endlich wieder etwas Obst und Gemüse. Es ist jetzt 10:00 Uhr, ich starte in Richtung Westen. Obwohl Bolivien weiter westlich liegt als Paraguay, die Sonne also später auf- und untergeht, haben sie die Uhrzeit eine Stunde früher, das heißt, dort ist es jetzt schon 11:00 Uhr. 

Do 15.05. Ibibobo Km 53.516 H 325m

Bin noch 5 Km vor Ibibobo, etwa bei der Hälfte nach Villamontes. In Ibibobo kann man Wasser kaufen und Lebensmittel, da muss ich nicht so viel mitschleppen. 10 Km nach der Grenze zeigt Google Maps eine Tankstelle, wo ich noch mehr Wasser kaufen wollte, zum Glück habe ich mich nicht darauf verlassen. Stattdessen war da ein Militärposten mit Verkehrskontrolle. Dort sah ich einen schattigen Platz, wo ich eine Pause einlegen wollte. Eine Gruppe Soldaten kam auf mich zu und einer fragte was ich will und ob sie mir helfen können. Nachdem ichs ihm gesagt hatte, führten sie mich ins Wachhäuschen, einer brachte eine Matratze, so haben sie das mit dem Ausruhen also verstanden. Ich wehrte entschieden ab, dann verschwand sie wieder. Es sprach immer nur einer von ihnen, der sich später als Comandante vorstellte, kaum älter als die Soldaten, und die waren noch keine 20 Jahre alt, fast Kinder. Er wollte genau wissen, wo ich herkomme und was ich mache. Darauf meinte er: "estás famoso "(du bist berühmt), dann lud er mich zum Mittagessen ein. Sie haben eine Art Kantine und es war für sie auch grad Mittagszeit. Sie müssen auch selber kochen und es gab Nudeln mit, ich staunte nicht schlecht, Krautsalat und Spiegeleier. Hat wunderbar geschmeckt. Und dort musste ich den anwesenden Soldaten nochmal erzählen, was ich mache und sie hörten interessiert zu. 

Über ihrer "Kaserne" stand auf der Straßenseite irgendwas mit "Gran Chaco". Das klingt wie eine Kriegserklärung gegen Paraguay. Kann ich sogar verstehen, obwohl ein neuer Krieg dort nicht weniger "estúpida" wäre. 

Sa 17.05. Villamontes Km 53.582 H 400 m

Heute habe ich wieder einen Gewaltmarsch von 40 Km gemacht, nach 4 Tagen wünschte ich mir dringend eine Dusche. Mein Freund Florio aus Filadelfia hat mir dieses Hotel empfohlen, und tatsächlich kostet ein Einzelzimmer nur 5,-€. Morgen muss ich mir (auch dringend) ein paar neue Schuhe kaufen. Das älteste meiner 3 Paar hat ein neues Zipperlein erschaffen. Ich bin so gut wie immer auf der linken Straßenseite gegangen, und weil die Straßen im Querschnitt betrachtet gewölbt sind, damit das Regenwasser besser abfließt, rutscht mein Fuß im Schuh auch nach links und verbiegt den kleinen Zeh nach rechts, und der zweite Zeh unterdrückt dann den kleinen, was mittlerweile ziemlich schmerzhaft ist. Auch ein Seitenwechsel hat nicht geholfen, der Schuh ist einfach schon zu ausgelatscht und er ist überfällig. Die Sehnenscheiden Entzündung ist vorbei und ich glaube nicht mehr, dass es eine war. Sie ist durch mein Weitergehen mit jedem Tag besser geworden und ausgeheilt, das passt nicht zu einer Sehnenscheiden Entzündung. 

Seit Ibibobo (die letzten 2 Tage) ist die Landschaft ziemlich hügelig und hier in Villamontes sieht die Bergkulisse aus wie in Deutschland das Voralpenland. Etwa 10 Km weiter türmen sich die Berge schon über 1000 m hoch. Und alle Straßen nach La Paz haben über 4.000 m hohe Pässe. Ob das jetzt im Winter noch geht? 

Mo 19.05. Villamontes

Ich bin immer noch hier, weil ich eine neue Brille brauche. Hab die alte vor ein paar Tagen zerbrochen und gesehen, dass es mit Brille (für die Ferne) doch viel besser geht. Außerdem hatte sie UV Schutz und verdunkelte sich in der Sonne. Jedenfalls muss ich jetzt bis Mittwoch warten. Ich bin hier in einem Hotel für 80 Bolivianos, so heißt die Währung hier, und das sind grade mal 5 € / Nacht. Man kann hier für einen € Mittagessen, das ist fast das Preisniveau von Indien. Das Hotel liegt in einem der beiden Zentren und das einzig Interessante hier ist der Mercado Campesino (Bauernmarkt), das ist eine große Halle mit einem Basar drinnen und außen herum, proppenvoll mit tausend kleinen Verkaufsständen, wo man von landwirtschaftlichen Produkten über Gebäck und komplette Mahlzeiten bis Klamotten und Schuhe alles billigst kaufen kann.

Ansonsten ist Villamontes ein großes Dorf, nur die Hauptstraßen sind asphaltiert und von den Seitenstraßen werden Sand und Staub überall verteilt. 

Hab mich mal mit meiner weiteren Streckenplanung beschäftigt, die nächste größere Stadt heißt Potosí, liegt auf 4.300 m und es gibt vorher einen Pass mit 4.500 m. In Potosí beginnt das "Altiplano", eine Hochebene mit 3.000 bis 4.000 m Höhe, fast 2.000 km lang, reicht von Nordargentinien bis nach Lima, Mitte Perú. La Paz liegt ungefähr in der Mitte, ich komme 650 Km südöstlich davon von der Seite, von Osten. Habe mir auch den Wetterbericht von Potosí angeschaut und bin geschockt, für die kommende Woche -1 bis +17⁰C. Von hier nach Potosí sind es 570 Km und bei dem Streckenprofil rechne ich mit einem Monat und dann wirds noch kälter. Und dass ich mich so schnell an die Kälte gewöhne, halte ich nach meinen bisherigen Erfahrungen für unmöglich. Der Altiplano ist dann nicht ganz so kalt, im Winter aber schon. Damit ist der Weg über den Hauptkamm auch hier gecancelt, ich muss auf der Ostseite in niedrigeren Gefilden weiter nach Norden gehen und peile als nächste Etappe Cochabamba an, 800 Km, H 2.600 m. Dort ist es hoffentlich schon etwas wärmer, weil näher am Äquator. 

Fr 23.05. Tahiguati Km 53.601 H 485 m

Solche indischen Tuck-Tucks sehe ich zum ersten Mal in Südamerika, und hier fahren viele davon, meist als Taxi. Ich finde, ein geniales Fortbewegungs-und Transportmittel. 

Ich habe am Mittwoch meine Brille bekommen und auch ein paar neue Schuhe gefunden, da bin ich jetzt bei der Nummer 31, und Bolivien ist zufällig auch mein 31. Land. Es ist kompliziert die Preise hier in Euro umzurechnen. In Asunción habe ich einen Geldautomaten gefunden, der auch wahlweise US Dollars ausgibt, und dort habe ich mir 300 USD geholt, mit Bank- und Automaten Gebühr haben die etwa 300,-€ gekostet. Den ersten Hunderter musste ich bei der Ausreise hergeben, weil ich nicht mehr genug Guaraní für die Strafe für zu langes Bleiben hatte. Das sind so um die 80,-€ / 90,-USD. Den zweiten habe ich gleich nach der Grenze bei einem Straßenhändler getauscht, der gab mir 1.300 Bolivianos dafür. Weil der offizielle Umtauschkurs grade bei 6,90 Bolivianos pro Dollar liegt, dachte ich, das war ein gutes Geschäft. Und auf diesen Kurs von 13 Bs für einen € habe ich meine Preisangaben bisher bezogen. Dann habe ich ausprobiert, was die Bolivianos kosten, wenn ich sie vom Geldautomaten hole, da waren es 6,50 Bs pro €. Damit sehen die Preise ganz anders aus, sind aber für Europäer immer noch unglaublich günstig. Mit Brille, Schuhe, 1 Woche Hotel und Lebensmittel Vorräte war das alles ziemlich aufgebraucht, und ich musste den letzten Dollar Schein umtauschen. Zuerst fragte ich jemanden wo das möglich wäre, der sagte: nur bei der Bank. Ich fragte also bei der nächsten Bank und eine freundliche Angestellte sagte: 6,50 Bs pro Dollar. Dann entschuldigte sie sich dafür und meinte, ich solle besser zu einem Straßenhändler gehen, und sagte mir auch, wo ich einen finde. Gesagt, getan, der bot mir 16 Bs pro Dollar, hab ich natürlich sofort gemacht. Was soll ich jetzt sagen, was die Schuhe kosten? Es waren 260 Bs. Ich kann ja mal alle Bolivianos die ich bisher gekauft habe durch die Summe der Euros, die ich dafür bezahlt habe, teilen, dann kommt ein Durchschnitt von 11,50 Bs pro € raus. Also dann kosten die Schuhe 25,- €. Ganz schön kompliziert. Bessere Schuhe habe ich in Villamontes nicht gefunden. Und so war das meistens in Südamerika und auch in Asien, die halten erfahrungsgemäß nicht lange, drum hab ich auch schon so viele verschlissen. 


Heute vormittag bin ich dann endlich aufgebrochen in Richtung Norden, obwohl es immer noch etwas geregnet hat und den ganzen Tag immer wieder, auch jetzt, und morgen solls noch schlimmer werden. Ich habe hier einen überdachten Platz gefunden, wo ich notfalls morgen auch bleiben kann. 

Ich muss jetzt doch nach Santa Cruz gehen, wollte ich eigentlich vermeiden weil das wieder eine größere Stadt ist (peligroso), aber: es gibt in Villamontes keine Post! Die nächsten Postämter sind in Tarija (Westen) und in Santa Cruz. Ich muss nämlich wieder eine Lebensbescheinigung an die Rentenversicherung schicken, sonst stellen die die Rentenzahlung ein. Das ist ein Formular, auf dem ein Zeuge bestätigen muss, dass er oder sie mich lebend gesehen hat. Und der / die muss einen Stempel haben, also z.B. meine Hotel Rezeption. Nach Santa Cruz sind es 440 Km, wenn es nicht zu viel regnet, 2 Wochen. 

Di 27.05. Boyuibe Km 53.690 H 815 m

Die neuen Schuhe haben sich bewährt, meine Füße sind wieder ok. Ich wechsle jetzt auch öfter mal die Seite, hier haben zumindest die Hauptstraßen breite, ordentliche, asphaltierte Randstreifen, die auch meistens benutzbar sind, und es gibt sehr wenig Verkehr, da fühle ich mich auch rechts nicht gefährdet. Aber für meine Füße und die Schuhe ist die Abwechslung gut.

Schon wieder ein Superlativ. Habt ihr schon mal 15 cm lange Dornen gesehen? Ich nicht. Es gibt hier kaum Pflanzen ohne Dornen, Gräser, Büsche, Bäume, gerne auch martialisch. Und meine Hoffnung, dass die neuen Hinterräder dagegen imun sind, scheint sich zu bestätigen. Beim Vorderrad pass ich höllisch auf, nicht über Dornen, Reifenfetzen oder Glassplitter zu fahren, bei den Hinterrädern überhaupt nicht. Da hatte ich seit der Erneuerung vor 6 Wochen noch nie eine Pinchada (einen Platten). Vorne schon.

Fr 30.05. Camiri Km 53.756 H 800-900 M

Die Stadt ist sehr hügelig. Ich hab schon wieder neue Schuhe (Nr.32) kaufen müssen, die Nummer 29 hat die letzten Tage auch den Geist aufgegeben. 

Vorgestern, kurz vor Ivicuati (eine indigene Commune), hab ich übernachtet, wo die wilden Kerle wohnen, auf etwa 1.000 m Höhe. Damit meine ich Wildschweine (Pecaris) Die Gegend gehört immer noch zum Gran Chaco, und was ich bis jetzt gesehen habe, ist diese Art alles andere als bedroht. Es gibt hier im Gegenteil sogar eine Pecari Plage. Die Selva (der Dschungel) ist wegen der vielen Dornen kaum zugänglich für meinen Carrito (Anhänger) aber die Trampelpfade mancher Tiere schon. An so einem Weg findet man auch freie Plätze, unsichtbar von der Straße, man darf sich nur nicht vor den anderen Tieren fürchten und vor den seltsamen Geräuschen, die nachts den Dschungel erfüllen. Ich beobachte seit fast 9 Jahren, dass sie, die animales silvestres (die wilden Tiere), sich vor uns noch mehr fürchten, als wir uns vor ihnen. Sie nähern sich uns nicht freiwillig und wenn, dann sehr vorsichtig. Genauso mache ich das auch. Ich respektiere einfach ihren Wunsch, jeden Kontakt mit uns zu vermeiden. Und damit hatte ich noch nie Probleme (gut, bei Bären mag das anders sein, damit habe ich noch keine Erfahrung). Ich bin zwar in ihrem Revier, aber wenn ich nun schon mal da bin, dann kommen sie nicht näher. Pecaris sind auch Paarhufer, wie unsere Schweine, sie durchwühlen auch die Erde, auf der Suche nach Essbarem, daran erkennt man, wer da unterwegs ist. Und just in diesen Tagen gab es einen krassen Temperatursturz, von 15⁰, von einem auf den anderen Tag. Frühmorgens nur noch 4⁰C. Wenn die Pecaris sehen würden, welchen Aufwand ich betreiben muss,  um bei solchen Temperaturen zu überleben, sie würden sich totlachen. Lange Unterhose, Pullover, Jacke, Handschuhe, dicke Socken, die ganze Winterausrüstung. Und was ich sonst noch so brauche: absolut sauberes Wasser, Nahrung, die ich irgendwo kaufen muss, einen Gaskocher, mit dem ich das Wasser und manchmal auch die Nahrung erhitzen muss, ein Zelt zum Schlafen, Schuhe und die vielen Klamotten, die ich auch immer wieder waschen muss. Kurz, wir sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern die lebensuntüchtigste Kreatur auf diesem Planeten. Keine andere braucht all den Mist. Außerdem sind wir auch die relativ schwächste und langsamste Art von allen. Eine Witzfigur. Und ich habe den Eindruck, die Degeneration schreitet weiter voran. Für unsere schizophrenen Bedürfnisse zerstören wir sogar den ganzen Planeten (meine subjektiv objektive Betrachtung!).

Do 05.06. Cabezas Km 53.925 H 460 M

Cabezas heißt Köpfe.

Vor 3 Tagen war ich in Gutierrez, Google Maps zeigt mir 2 Hotels, beides eine glatte Fehlinformation. Manchmal stimmt ja einfach die Position nicht, ich fragte einen Nachbarn nach dem Hotel, der sagte, komm mit und führte mich zu einer, wie sich dann später herausstellte, Krankenpfleger Schule. Ich wurde freundlich empfangen, claro kann ich hier übernachten, und sie gaben mir diese Gartenlaube:

Daneben steht eine Ruine von einem alten Baum, dies ist der einzige Ast, den er noch hat, und er kann sich nicht mehr gegen die Schmarotzer Pflanzen wehren. Überall hängen diese grünen Tentakeln an ihm. Und das Hüttendach ist aus Stroh, schon löchrig, aber die Kakteen da oben sind sehenswert. 

Dann schickten sie mir einen Lehrer, Adriano, der Deutsch kann, und zwar richtig gut. Er hat mal in der Schule deutsch gelernt, und war 2 Jahre in Deutschland um eine Ausbildung über Diesel Einspritzpumpen zu machen. Später studierte er Medizin und wurde Arzt, und jetzt ist er 68 Jahre alt und Lehrer an dieser Schule. Sie luden mich zum Abendessen (cena) ein, es gab einen dünnflüssigen Haferschleim zum Trinken, und einen Teller Reis, mit Spuren von Gemüse. In einem großen Topf mit etwa 30 Portionen waren schätzungsweise eine Karotte, eine Tomate und eine Zwiebel, alles sehr klein geschnitten. Das musste ich mal kritisieren und sagte, dass sie Gemüse nur in homöopathischen Mengen verwenden. Dabei ist es billig. Für einen Euro bekommt man 2 Kg oder mehr. Meine Sichtweise hat den Arzt köstlich amüsiert. 

Mo 09.06. Santa Cruz de la Sierra Km 54.051 H 420m

Das heißt: heiliges Kreuz der Berge. 

Die bigotterie ist für einen ateo (Atheist) schwer erträglich, aber ich muss sie tolerieren. Die indigenas sind die gläubigsten Christen von allen, was ich mir nur mit generationenlanger Gehirnwäsche erklären kann. Und immer wieder muss ich ihren Missionseifer über mich ergehen lassen. 

Sa 14.06. Santa Cruz

Santa Cruz hat etwa 2 Millionen Einwohner, wie Asunción, und ist die größte Stadt in Bolivien. Sie liegt 7,5 Breitengrade weiter nördlich, erwartungsgemäß ist es hier durchschnittlich 2 bis 3 Grad wärmer, zumindest in der letzten und der kommenden Woche. Heute z.B. 15 bis 26⁰C, obwohl hier grad Winter ist, vergleichbar mit dem Dezember auf der Nordhalbkugel.

Wie überall auf meiner Reise, außer Europa und Australien, spielen die Fußgänger bei der Planung und dem Ausbau der Verkehrs Infrastruktur keine Rolle. Noch nie hat sich hier jemand Gedanken gemacht über ihre Sicherheit. Ich nehme an, dass sie nicht wissen und es sie auch nicht interessiert, wie viele Menschen deswegen unnötigerweise im Straßenverkehr sterben. Ein Blick ins Internet könnte helfen. Ich vergleiche mal mit Deutschland: da sind es 4,1 Tote pro 100.000 Einwohner, in Bolivien 15,5. Dabei muss man auch sehen, dass es in Bolivien viel weniger Kraftfahrzeuge gibt (davon merkt man in den großen Städten aber nichts, die Straßen sind verstopft und es gibt oft Staus) und dafür gibt es mittlerweile auch eine Statistik, nämlich pro 100.000 Kraftfahrzeuge: da sind es in Deutschland 5,7 und in Bolivien 73,6! Jedes Kraftfahrzeug killt hier also 13 mal so viele Menschen wie in Deutschland. Das zeigt doch ganz klar, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht. Ich verstehe nicht, warum das hier niemanden interessiert. 

Es gibt schon Gehwege, aber in sehr schlechtem Zustand, oft unbenutzbar.  In vielen Straßen, auch da wo ich zur Zeit wohne, sieht es aus wie in einem Basar. Ein Mini Laden nach dem anderen, und sie benutzen den Gehweg als Ausstellungs Fläche für ihre Waren, fast, und oft auch vollständig, obwohl das auch hier verboten ist, nur wird das nicht durchgesetzt. Die Fußgänger können ja auch auf der Straße gehen. Nur in den Stadtzentren sieht es etwas besser aus. 

Man könnte auch sagen: "Guardería de niños". Guardería heißt nicht Garten, sondern das ist eine bewachte Anstalt, könnte auch ein Gefängnis sein. Soll wohl andeuten, dass hier dem Schutzbedürfnis der Kinder Rechnung getragen wird. Garten heißt jardín (das "j" wird immer wie das deutsche "ch" gesprochen).

Mo 16.06. Santa Cruz

Ein Detail vom Stamm eines Samu'u (Seidenbaum/ Flaschenbaum). Um zu zeigen wie martialisch seine Stacheln sind, habe ich meine Hand als Vergleichsgröße mit abgebildet. Es gibt nichts vergleichbares auf der Nordhalbkugel. Das zeigt doch ganz klar, dass die Evolution, nachdem der letzte Superkontinent Pangäa in zwei Teile zerbrochen war (Laurasia[Nord] und Gondwana [Süd]), sich sehr unterschiedlich entwickelt hat. 

Sa 21.06. Santa Cruz

Die Maracuya (Passionsfrucht, gehört aber zu den Beeren, etwa 10 cm Durchmesser), das ist die Frucht der Passionsblume, eine Kletterpflanze mit bis zu 10 m langen Trieben. Die Kerne (kann man zerkauen) sind eingebettet in eine geleeartige schleimige Masse, sieht ein bisschen ekelig aus, schmeckt aber wunderbar süß sauer. Die Schale ist nicht essbar, man muss die Kerne mit dem Gelee auslöffeln. Bananen und Maracuyas sind hier die billigsten Früchte, nur ein paar Eurocent pro Kg.

Do 03.07. Santa Cruz

So sehen viele alte Häuser in der Mitte von Santa Cruz aus. Irgendwann vor langer Zeit muss dies das Zentrum gewesen sein, innerhalb vom ersten Ring. Jetzt gibt es viele Zentren und es gibt mittlerweile 7 Ringstraßen, die auch der Reihe nach nummeriert sind. 

Bolivien geizt mit der Aufenthaltserlaubnis für Touristen, man darf auch ohne Visum 90 Tage bleiben, aber nur einmal im Jahr. Ich wollte ja von hier aus weiter gehen nach La Paz, aber weil der Winter hier auf 4.000 m Höhe doch kälter ist als ich gehofft habe, wollte ich noch etwas mehr Zeit hier vertrödeln. Und dann schaffe ich es nicht mehr rechtzeitig nach Peru. Bis zur peruanischen Grenze sind es noch ungefähr 1.200 Km und mit den Bergen brauche ich sicher mehr Zeit als in der Ebene. Jetzt habe ich noch gute 5 Wochen. Ich muss also in ein anderes, näherliegendes Land flüchten und da kommen Brasilien, Paraguay und Argentinien in Frage. Ich könnte durch Brasilien nach Peru gehen, oder über Argentinien in die Atacama Wüste, wie ich es ursprünglich wollte. Diese Variante reizt mich am meisten. Dann wäre ich aber in 5 bis 6 Wochen in Salta, viel zu früh im Winter. Ich könnte noch etwas Zeit nutzen und einen Umweg machen, zuerst nach Osten, nach Brasilien und dann in einem großen Bogen durch Paraguay nach Argentinien. Dann brauche ich 2 Monate länger, dann sollte es gehen. Aber meine Ideen und Pläne sind alles andere als sicher, das war schon immer so. Doch mit diesem Problem bin ich nicht alleine. Berthold Brecht hat darüber ein Lied geschrieben: Über die Unzulänglichkeit menschlichen Strebens: da heißt es etwa in der zweiten Strophe: 

Ja mach nur einen Plan

Sei nur ein großes Licht 

Und mach dann noch nen zweiten Plan

gehn tun sie beide nicht. 

Denn für dieses Leben, 

Ist der Mensch nicht schlecht genug, 

Doch sein höheres Streben 

Ist ein schöner Zug.


Mo 21.07. Cotoca Km 54.110

Der junge Mann weiß nicht, dass ich ihn heimlich fotografiert habe. Aber das muss ich euch doch mal zeigen. Er hat nicht etwa einen Knödel in der Backe, nein, die ist einfach dauerhaft angeschwollen, und das kommt vom exzessiven Kauen der Coca Blätter, ich vermute, immer auf der selben Seite. Ich schätze, 20% der bolivianischen Männer laufen damit durchs Leben und die anderen lachen darüber und sie sagen, es soll gesund sein für den Magen, Herz-Kreislauf und sonst noch für eigentlich alles. Dieser Mythos erinnert mich an die Motive von Rauchern, die glauben, rauchen würde schön, stark und männlich machen. Fast alle Männer kauen diese Coca Blätter, die meisten aber nicht ständig. Und von den Frauen keine einzige! Natürlich habe ich es probiert. Der Saft schmeckt süßlich scharf und schon nach wenigen Sekunden werden meine Zunge und die Mundschleimhaut taub und prickeln wie eingeschlafene Füße, kombiniert mit einer brennenden Schärfe. Diese Erfahrung und der Anblick der Dickbacken genügt für meine Entscheidung: muss ich nicht haben. Vor Bolivien hab ich das noch nie gesehen. 

Heute früh bin ich aufgebrochen in Richtung Osten, ich muss ja Bolivien in 3 Wochen verlassen und, Überraschung, mein Plan von vor 2 Wochen gilt noch. 

Warum ich jetzt 6 Wochen lang in Santa Cruz war liegt nicht allein an der Winterkälte in den Anden. Auf meinem Weg hierher hat sich gezeigt, dass mein Motor doch nicht stark genug ist für steile lange Berge. Er könnte vielleicht schon, aber der Controller lässt ihn nicht. Er schaltet bei niedrigen Drehzahlen und hoher Belastung einfach ab, vermutlich um den Motor zu schützen. In Santa Cruz fand ich einen Fahrrad Laden, der solche E-bike Motoren verkauft, sogar billiger als in Deutschland. Und weil sich die Kapazität meiner Batterie ebenfalls als unzureichend herausgestellt hat, habe ich auch noch eine zweite, zusätzliche bestellt. Den Motor konnte ich in eines der Hinterräder einbauen und bis ich alle Teile beisammen hatte und alles fertig war und funktionierte, das hat eben eine Weile gedauert. Ich hab aber wieder viel dazugelernt in Sachen Elektronik und Mechanik. 

31.07. Tauca Km 54.383

In Santa Cruz hab ich mir extra nochmal ein paar Gigas gekauft für mein Handy und hab mich darauf verlassen, dass ich damit bis an die brasilianische Grenze komme, aber sie haben das Geld auf meinem Konto gutgeschrieben und von dort muss ich es nach Bedarf abbuchen. Das alles musste mir erst jemand in San José de Chiquitos erklären. Jedenfalls hatte ich deshalb seit Santa Cruz kein Internet mehr. Zum Glück kann man mit so einem celular notfalls auch ohne conección einigermaßen navigieren. 

Die Leute hier am Land sehen durchweg ziemlich indianisch aus und sie sprechen spanisch, auch untereinander. Sie gehen einer Arbeit nach, wohnen in einfachen Häusern, haben Motorräder, manche sogar ein Auto. Und sie sind aufgeschlossener und weniger schüchtern als die Stadtbevölkerung. Und ausnahmslos alle sehr freundlich. 

Mi 06.08. Aguas Calientes 54.567 Km H 220m

In letzter Zeit hatte ich wenig Zeit zum schreiben, tengo prisa (ich muss mich beeilen) rechtzeitig an der Grenze zu sein. Ich muss Bolivien spätestens am 13.08. verlassen und dazu muss ich meine tägliche Km Leistung noch deutlich steigern und das geht nicht mehr so einfach von heute auf morgen. Später mehr.

So 10.08. Yacuces Km 54.713

Jetzt habe ich wieder Zeit. Hab noch 57 Km bis zur Grenze und noch 3 Tage Zeit. Vor ein paar Tagen traf ich ein junges französisches Pärchen, Lola und Leo, das auch von Santa Cruz nach Brasilien will und sie sind mit einem Tandem Fahrrad unterwegs. Schon seit einem Jahr. Sie machen das etwas gemütlicher als ich, und so sind wir uns jetzt schon oft begegnet. Sie sprechen viel besser englisch und spanisch als ich, worum ich sie sehr beneide. Dann traf ich Juan Carlos, auch ein Radfahrer, aus Chile. Er lebt im Norden, in der Atacama Wüste, ist Bildhauer und schon sein ganzes Leben lang viel mit dem Fahrrad unterwegs, war schon überall, 5 Jahre lang in Deutschland, überall in Europa, in Afrika, hat viele asiatische Länder besucht und jetzt ist er mal wieder kreuz und quer in Amerika unterwegs. Er spricht perfektes Deutsch. Mir ist übrigens aufgefallen, wenn die Leute hier von Menschen in den USA sprechen, sagen sie "die Amerikaner". Lustig.

Juan Carlos 

Mi 13.08. Puerto Quijarro Km 54.769 H 100 m

Seit 400 Km läuft die Strecke entlang einer schmalen, niedrigen Bergkette, die Serranía Santiago, ein östlicher Ausläufer der Anden (Cordillera Central).  Bei Chochis überquert sie diese auf 500 m Höhe. Die Berge sehen teilweise spektakulär aus, sind aber keine 1000 m hoch. Der höchste liegt auch in der Gegend und hat gerade mal 1.230 m (über demMeer) .

Aguas Calientes ist nach einem warmen See benannt. Im Internet finde ich nichts dazu. Der See hat so 300 -500 m Durchmesser, ist flach, man kann überall drin stehen, der Boden ist sandig bis schlammig und das Wasser hat zwischen 30 und 35⁰C. Es kommt aus dem Untergrund und bringt auch kleine Gasblasen mit. Es stinkt nicht nach Schwefel. Dort ist ein Campingplatz, ich hab nicht dort übernachtet, weil ich am Vormittag ankam. Zum Baden habe ich mir aber Zeit genommen. 

Jetzt ist Mittwoch früh. Ich hab hier wieder im Dschungel übernachtet, 5 Km vor der Grenze, diesmal mit etwas Angst. Ein Ladeninhaber in Puerto Suarez, das war die letzte Ortschaft, hat mir erzählt, dass nachts die "tigres" (Leoparden) im Dorf spazieren gehen. Er konnte sogar ihre Stimme imitieren. Bisher habe ich immer ziemlich sorglos in der Wildnis gezeltet, das ist nun vorbei. Bei Dunkelheit sollte ich mich nicht mehr außerhalb meines Zeltes aufhalten. Die südamerikanischen Leoparden (Panter sind nur schwarze Leoparden) sind nicht soo gefährlich wie die asiatischen Tiger, sie sind deutlich kleiner, aber ich hab mehr Respekt vor ihnen als vor Wölfen.